Unglück am Djatlow-Pass (1959): 10 Bergsteiger, Tagebücher, Obduktionsberichte und die wissenschaftliche Lösung
In der eisigen Nacht vom 1. auf den 2. Februar 1959 starben am Osthang des Cholat Sjakchl (Berg der Toten) im nördlichen Ural neun erfahrene sowjetische Skiwanderer unter rätselhaften Umständen. Ein von innen aufgeschlitztes Zelt, barfüßige Flucht bei minus 30 Grad, tödliche Knochenbrüche wie bei einem Autounfall, radioaktive Kleidung und die physikalische Schneebrett-Simulation der ETH Zürich und EPFL aus dem Jahr 2021.
📌 Djatlow-Pass-Dossier — Wichtigste Eckdaten
1. Die 10 Teilnehmer der Expedition: Detaillierte Profile & Juri Judins Rettung
Die Gruppe bestand aus den fähigsten und erfahrensten Skiwanderern des Polytechnischen Instituts des Urals (UPI) in Swerdlowsk (heute Jekaterinburg). Ihr Ziel war die Besteigung des Berges Otorten zur Erlangung des sowjetischen Wintersport-Meistertitels der Stufe III:
| Name | Alter | Beruf / Fachrichtung | Fundort & Todesursache |
|---|---|---|---|
| Igor Djatlow | 23 | Student der Funktechnik (5. Studienjahr, Gruppenleiter) | 300 m unterhalb des Zeltes mit Blick bergauf gefunden; Erfrierungstod. |
| Sinaida Kolmogorowa | 22 | Studentin der Funktechnik, erfahrene Tourenleiterin | 850 m unterhalb des Zeltes auf dem Hang gefunden; schwere Unterkühlung. |
| Rustem Slobodin | 23 | Diplom-Maschinenbauingenieur | 1000 m vom Zelt entfernt; wies einen 6-cm-Schädelriss auf, starb an Kälte. |
| Juri Doroschenko | 21 | Wirtschaftsstudent | Unter der großen Zeder nur in Unterwäsche gefunden; Erfrieren. |
| Juri Kriwonischtschenko | 23 | Bauingenieur in der kerntechnischen Anlage Majak | Unter der Zeder in Unterwäsche gefunden; verbrannte Hände und Erfrierung. |
| Ljudmila Dubinina | 20 | Wirtschaftsstudentin (3. Studienjahr) | In der Bachschlucht gefunden; 10 Rippenbrüche, Herzblutung, Weichteilverlust. |
| Nikolai Thibeaux-Brignolle | 23 | Bauingenieur (Sohn eines französischen Kommunisten) | In der Schlucht gefunden; massiver Trümmerschädelbruch durch Druckwucht. |
| Alexander Kolewatow | 24 | Techniker am Kernforschungsinstitut | In der Schlucht gefunden; Nackentrauma und tödliche Unterkühlung. |
| Semjon (Alexander) Solotarjow | 37 | Kourowka-Touristenführer, Veteran des Großen Vaterländischen Krieges | In der Schlucht gefunden; 5 Rippenbrüche, Kamera um den Hals, geheimnisvolle Tattoos. |
| Juri Judin (Überlebender) | 21 | Wirtschaftsstudent | Musste die Tour am 28. Januar wegen Ischiasbeschwerden abbrechen und überlebte. |
2. Chronologie der Route und Tagebucheinträge (23. Januar – 1. Februar 1959)
Die erhaltenen gemeinsamen und persönlichen Tagebücher der Gruppe belegen eine vorbildliche Disziplin, hohe Motivation und gute Stimmung bis zur letzten Stunde:
- 23. Januar 1959: Abfahrt mit dem Zug von Swerdlowsk nach Serow.
- 25. Januar: Ankunft in Iwdel und Weiterfahrt mit dem Bus zur Siedlung Wischai.
- 27. Januar: Start auf Skiern in Richtung der verlassenen 2. Nord-Siedlung.
- 28. Januar: Juri Judins Ischiasleiden flammt auf. Er verabschiedet sich von der Gruppe und schenkt Ljudmila Dubinina seine warme Plüschweste. Judin sagte später: "Der Berg, der meine Freunde forderte, verschonte mein Leben nur durch meine Krankheit."
- 31. Januar: Erreichen des Auspija-Flusstals. Errichtung eines Labas (Vorratslagers) am Fuße des Passes, um schwere Ausrüstung für den Rückweg zu deponieren.
- 1. Februar 1959 (Der letzte Tag): Gegen 15:00 Uhr begann der Aufstieg zum Pass. Wegen eines Schneesturms geriet die Gruppe auf die Schulter des Cholat Sjakchl. Igor Djatlow beschloss, das Zelt direkt am windigen Hang aufzuschlagen. Um 17:00 Uhr stand das Zelt; die Wanderer aßen Speck und verfassten die satirische Wandzeitung "Abend-Otorten".
3. Die verhängnisvolle Nacht: Zerschnittenes Zelt, geordnete Fußspuren und Abstieg
Zwischen 22:00 und 01:00 Uhr in der Nacht zum 2. Februar ereignete sich im Zelt eine plötzliche Notlage:
Da der Zelteingang verschüttet oder blockiert war, wurde die Zeltplane von innen mit drei langen Schnitten aufgeschlitzt. Bei Temperaturen von minus 25 bis minus 30 Grad Celsius und stürmischem Wind flohen die Wanderer ohne schwere Mäntel, Jacken oder Stiefel – teils barfuß oder auf Socken – in die Dunkelheit.
Die Suchmannschaften fanden acht bis neun parallele Paare von Fußspuren, die geordnet und ohne Anzeichen von Panik oder Verfolgung 1.500 Meter hangabwärts zur Waldgrenze führten. Die Gruppe ging nebeneinander, um im Schneesturm niemanden zu verlieren.
4. Rechtsmedizinische Obduktionsprotokolle: Die drei Fundorte der Leichen
Die amtlichen Obduktionen von Dr. Boris Wosroschdenny und Dr. Eduard Kornejew ergaben drei räumlich getrennte Sterbephasen:
Zone 1: An der großen Zeder (Kriwonischtschenko & Doroschenko)
1,5 km vom Zelt entfernt am Waldrand. Beide Männer trugen nur Unterwäsche. Bis in 5 Meter Höhe waren Äste der Zeder abgebrochen, um Feuerholz zu sammeln. Reste eines kleinen Feuers wurden gefunden. Ihre Hände wiesen schwere Verbrennungen und Risswunden vom Klettern am gefrorenen Baum auf. Todesursache: Tödliche Unterkühlung.
Zone 2: Auf dem Hang zum Zelt (Djatlow, Kolmogorowa, Slobodin)
In Abständen auf der Linie zwischen Zeder und Zelt mit Blick bergauf gefunden. Nachdem das Feuer erloschen war, versuchten sie zurück zum Zelt zu kriechen, um Kleidung zu holen. Slobodin wies einen 6 cm langen Riss im Stirnschädel auf; der Rechtsmediziner stellte jedoch fest, dass dies nicht die primäre Todesursache war, sondern das Erfrieren.
Zone 3: Die Bachschlucht (Dubinina, Solotarjow, Thibeaux-Brignolle, Kolewatow)
Am 4. Mai 1959 unter vier Metern kompaktem Schnee in einer Bachschlucht entdeckt. Sie hatten ein Lager aus Tannenzweigen und Kleidung der bereits verstorbenen Kameraden von der Zeder gebaut.
Massive Traumata: Thibeaux-Brignolle erlitt einen schweren gedeckten Trümmerschädelbruch. Dubinina wies 10 Rippenbrüche rechts und 6 links auf, die ihr Herz verletzten; Solotarjow hatte 5 gebrochene Rippen. Bei Dubinina fehlten Zunge, Augen und Mundschleimhaut; bei Solotarjow die Augen. Dr. Wosroschdenny betonte, dass diese Brüche nur durch "eine gewaltige komprimierende Kraft von mehreren Tonnen" verursacht werden konnten.
5. Mythen und Legenden im Faktencheck: Strahlung, fehlende Weichteile und Leuchtkugeln
Jahrzehntelange Spekulationen lassen sich durch Archivdokumente und naturwissenschaftliche Fakten eindeutig aufklären:
1. Woher stammte die Radioaktivität?
Kriwonischtschenko und Kolewatow arbeiteten in sowjetischen kerntechnischen Forschungszentren. Kriwonischtschenko war an den Dekontaminationsarbeiten nach dem Kyschtym-Unglück 1957 in der Anlage Majak beteiligt. Die Beta-Strahlung auf seinen Pullovern stammte von alten Arbeitskontaminationen.
2. Warum fehlten Zunge und Augen bei Dubinina?
Die Leichen lagen drei Monate lang unter vier Metern tauendem Schnee in fließendem Bachwasser. Bakterielle Zersetzung, Pilze und im Wasser lebende Kleinstlebewesen zersetzten die empfindlichen Weichteile postmortal auf natürliche Weise.
3. Was waren die "Feuerkugeln" am Himmel?
Am 17. Februar beobachtete eine andere Gruppe leuchtende Himmelskörper. Dabei handelte es sich um Abgasschweife von R-7-Interkontinentalraketen aus Baikonur und Plessezk. In der Unglücksnacht vom 1. auf den 2. Februar fanden laut Militärarchiven jedoch keine Raketenstarts statt.
6. Die physikalische Lösung: Die EPFL/ETH-Zürich-Schneebrett-Simulation (2021)
Im Jahr 2021 veröffentlichten die Schweizer Forscher Prof. Johan Gaume (EPFL) und Alexander Puzrin (ETH Zürich) in der Fachzeitschrift Nature Communications Earth & Environment das physikalische Modell, das das Rätsel löste:
Mechanik des verzögerten Schneebretts (Delayed Snow Slab Avalanche):
- Einschnitt in den Hang: Um das Zelt aufzubauen, gruben die Wanderer eine ebene Fläche in den 30-Grad-Hang und schwächten so das Stützfundament der darüber liegenden Schneedecke.
- Katabatische Winde: Während der Nacht bliesen schwere Fallwinde kontinuierlich Schnee vom Berggipfel herab und luden Tonnen von schwerem Triebschnee direkt oberhalb des Zeltes ab.
- Verzögerter Bruch: 9 bis 13 Stunden nach dem Zeltaufbau versagte die schwache Schicht unter der Schneedecke. Ein kompaktes Schneebrett von ca. 5x5 Metern rutschte auf das Zelt.
- Aufprall & Evakuierung: Der harte Schneeblock traf die liegenden Wanderer auf ihren Holzskiern und verursachte schwere Brust- und Schädeltraumata. Aus Angst vor weiteren Lawinen schnitt die Gruppe das Zelt auf und floh geordnet zur Zeder.
7. Biologie extremer Kälte: Paradoxes Entkleiden und Terminaler Eingrabereflex
Der Zustand der nur in Unterwäsche aufgefundenen Wanderer ist ein bekanntes medizinisches Phänomen:
- Paradoxes Entkleiden (Paradoxical Undressing): Sinkt die Körperkerntemperatur unter 30°C, versagt das Kälteregulationszentrum im Gehirn. Die zusammengezogenen Blutgefäße erweitern sich schlagartig, warmes Blut strömt in die Haut und erzeugt ein intensives Hitzegefühl. Erfrierende reißen sich daraufhin die Kleider vom Leib.
- Terminales Eingraben (Hide-and-Die-Syndrom): Ein autonomer Schutzreflex des Stammhirns treibt Sterbende dazu, sich in Schneelöcher oder Felsspalten zu zwängen.
8. Suchaktionen und die Untersuchung von Staatsanwalt Lew Iwanow
Als am 12. Februar das vereinbarte Telegramm aus Wischai ausblieb, begann am 20. Februar eine großangelegte Suchaktion mit Soldaten, Hubschraubern, Studenten und Mansi-Fährtenlesern.
Am 26. Februar wurde das Zelt entdeckt. Staatsanwalt Lew Iwanow schloss die Akten im Mai 1959 mit der Begründung, die Todesursache sei "eine elementare Naturkraft gewesen, welche die Wanderer nicht überwinden konnten." Die Akten blieben bis in die 1990er Jahre unter Verschluss.
9. Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Kann der Djatlow-Pass heute besucht werden?
Ja, der Pass am Cholat Sjakchl wurde offiziell nach Igor Djatlow benannt und kann im Rahmen geführter Winterexpeditionen besucht werden.
Was geschah mit dem überlebenden Juri Judin?
Juri Judin arbeitete als Ökonom in Solikamsk. Er starb 2013 und wurde gemäß seinem letzten Willen neben seinen neun Kameraden auf dem Michailowskoje-Friedhof in Jekaterinburg beigesetzt.