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Das Lied der Deutschen: Vollständiger Text aller 3 Strophen, Entstehung 1841, Dichter, Melodie und Geschichte

Das Lied der Deutschen (auch Deutschlandlied genannt) — verfasst am 26. August 1841 auf der Nordseeinsel Helgoland von dem liberalen Hochschullehrer und Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben zur erhabenen Melodie von Joseph Haydns Kaiserquartett (1797). Was als flammender Appell des Vormärz gegen die fürstliche Kleinstaaterei und für Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und nationale Einheit begann, durchlief eine der dramatischsten Wirkungsgeschichten der europäischen Symbolgeschichte. Vom Kaiserreich über Friedrich Eberts Proklamation 1922 und den nationalsozialistischen Missbrauch bis hin zur Festlegung der dritten Strophe als alleinige Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1991: Diese Monografie dokumentiert den vollständigen Text aller drei Strophen, die historische Bedeutung und den juristischen Status.

Das Lied der Deutschen — Steckbrief & Wichtigste Fakten

Titel: Das Lied der Deutschen (Deutschlandlied)
Textdichter: August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874)
Dichtungsdatum & Ort: 26. August 1841 auf Helgoland (damals britisch)
Erstausgabe & Verleger: 1. September 1841 bei Julius Campe (Hoffmann und Campe, Hamburg)
Uraufführung: 5. Oktober 1841 an den Binnenalster-Arkaden in Hamburg
Komponist der Melodie: Joseph Haydn (1732–1809) in Wien (Januar 1797)
Ursprüngliche Melodie: Österreichische Kaiserhymne (Kaiserquartett op. 76 Nr. 3)
Nationalhymne seit: 11. August 1922 (Ebert) / 1952 (Heuss/Adenauer) / 1991 (Weizsäcker/Kohl)
Offizielle Hymne heute: Ausschließlich die 3. Strophe (Einigkeit und Recht und Freiheit)

Der vollständige Text aller drei Strophen

Hier ist der authentische, ungekürzte Originaltext des Liedes der Deutschen von 1841:

Erste Strophe (Historischer Text)

Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt,
Wenn es stets zu Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält,
Von der Maas bis an die Memel,
Von der Etsch bis an den Belt –
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt!

Zweite Strophe (Fest- und Geselligkeitsstrophe)

Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang –
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!

Dritte Strophe (Die Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland)

Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand –
Blüh im Glanze dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland!

Chronologische Meilensteine des Deutschlandliedes (1797–2026)

Datum / Jahr Ereignis Historische Bedeutung
Januar 1797 Haydn komponiert die Melodie Entstehung der österreichischen Kaiserhymne für Franz II. in Wien.
26. August 1841 Dichtung auf Helgoland Hoffmann von Fallersleben verfasst den Text während seines Urlaubs auf der Insel.
1. Sept. 1841 Drucklegung bei Campe Julius Campe druckt das Lied als Einzeldruck in Hamburg (Preis: 2 Silbergroschen).
5. Okt. 1841 Uraufführung in Hamburg Erstes öffentliches Singen vor dem Hotel Streit an der Binnenalster.
1842 Entlassung Hoffmanns Preußen entzieht Hoffmann wegen seiner regimekritischen Lieder den Professorentitel.
11. August 1922 Erhebung zur Nationalhymne Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) erklärt das Lied zur Nationalhymne der Weimarer Republik.
1933–1945 Nationalsozialistischer Missbrauch Nur die 1. Strophe wird gesungen, gefolgt vom Horst-Wessel-Lied mit Hitlergruß.
Mai 1952 Heuss-Adenauer-Briefwechsel Bundesrepublik behält das Lied; bei offiziellen Anlässen wird die 3. Strophe gesungen.
7. März 1990 BVerfG-Entscheidung Bundesverfassungsgericht stellt klar: Das Singen der 1. und 2. Strophe ist nicht strafbar.
August 1991 Weizsäcker-Kohl-Briefwechsel Die 3. Strophe wird zur alleinigen Nationalhymne des wiedervereinigten Deutschlands erklärt.

1. Die Entstehungsgeschichte: Helgoland 1841 und der Vormärz

Um das Lied der Deutschen zu verstehen, muss man die politische Lage im Vormärz (1815–1848) betrachten:

  • Die Zerrissenheit des Deutschen Bundes: Nach dem Wiener Kongress 1815 gab es keinen deutschen Nationalstaat, sondern einen lockeren Staatenbund aus fast 40 Duodezfürstentümern und Kleinstaaten. Es herrschten Zensur, Fürstenwillkür und die Repression der Karlsbader Beschlüsse unter Fürst Metternich.
  • Die Rheinkrise von 1840: Frankreich erhob unter Premierminister Thiers Ansprüche auf das linke Rheinufer als "natürliche Grenze", was eine Welle patriotischer Begeisterung in der deutschen Bevölkerung auslöste.
  • Hoffmanns Helgoland-Reise: Im August 1841 reiste der Breslauer Germanistik-Professor August Heinrich Hoffmann von Fallersleben zur Erholung auf die damals unter britischer Krone stehende Hochseeinsel Helgoland. Dort traf er seinen Hamburger Verleger Julius Campe (Hoffmann und Campe). Am 26. August übergab Hoffmann ihm das Manuskript. Campe war begeistert und zahlte vier Louis d'or mit den Worten: "Wenn das Lied einschlägt, haben Sie ein gutes Geschäft gemacht!"

2. Sprachliche Analyse: Was bedeuten "Deutschland über alles" und die vier Grenzen?

Kaum eine Textzeile der Weltgeschichte wurde im 20. Jahrhundert so fehlinterpretiert wie die Eröffnungszeile der ersten Strophe:

Die ursprüngliche Bedeutung von "Deutschland über alles"

Im Jahr 1841 war diese Zeile kein Ruf nach Weltherrschaft oder Unterdrückung anderer Völker. Hoffmann von Fallersleben appellierte an die deutschen Bürger und Fürsten, die Idee eines einigen, freien und demokratischen Deutschlands höher zu stellen als die egoistischen Partikularinteressen der einzelnen Königreiche (Preußen, Bayern, Sachsen, Hannover etc.). Das gemeinsame Vaterland sollte den Menschen wichtiger sein als ihre kleinstaatliche Heimat.

Die geografischen Grenzen von 1841

Hoffmann beschrieb die damaligen Ausmaße des deutschen Sprach- und Kulturraums im Rahmen des Deutschen Bundes von 1815:

  • Von der Maas (Westen): Fluss in Belgien und den Niederlanden (Limburg gehörte damals zum Deutschen Bund).
  • Bis an die Memel (Osten): Fluss an der damaligen Ostgrenze Ostpreußens (heute Litauen/Russland).
  • Von der Etsch (Süden): Fluss in Südtirol (damals Teil des Kaisertums Österreich).
  • Bis an den Belt (Norden): Die Meerengen Kleiner und Großer Belt in Dänemark (Herzogtum Schleswig/Holstein).

3. Die Melodie: Joseph Haydns Meisterwerk von 1797

Die Melodie des Liedes der Deutschen ist älter als der Text:

  • Österreichische Kaiserhymne (1797): Im Januar 1797 komponierte der Wiener Hofkomponist Joseph Haydn im Auftrag des Reichsgrafen von Saurau die Hymne "Gott erhalte Franz, den Kaiser" als patriotisches Gegenstück zur französischen Marseillaise und zur britischen Hymne God Save the King.
  • Kaiserquartett op. 76 Nr. 3: Haydn liebte diese Melodie so sehr, dass er sie im zweiten Satz seines berühmten Streichquartetts C-Dur (Kaiserquartett) in vier meisterhaften Variationen verarbeitete. Hoffmann von Fallersleben wählte diese feierliche Melodie 1841 bewusst für sein Gedicht aus.

4. Der Wandel zur Nationalhymne: Von Ebert bis Weizsäcker

Die offizielle staatliche Verwendung des Liedes durchlief mehrere historische Epochen:

Weimarer Republik (1922)

Am 11. August 1922 erhob der erste sozialdemokratische Reichspräsident Friedrich Ebert das Deutschlandlied (alle 3 Strophen) zur offiziellen Nationalhymne als Symbol der Republik.

NS-Diktatur (1933–1945)

Die Nationalsozialisten missbrauchten das Lied: Sie strichen Strophe 2 und 3 und sangen nur die 1. Strophe im imperialistischen Sinn, unmittelbar gefolgt vom NSDAP-Parteilied (Horst-Wessel-Lied).

Bundesrepublik (1952 & 1991)

1952 einigten sich Heuss und Adenauer darauf, bei Anlässen nur die 3. Strophe zu singen. Nach der Wiedervereinigung erklärten Richard von Weizsäcker und Helmut Kohl 1991 die 3. Strophe zur alleinigen Hymne.

5. Juristischer Status: Ist das Singen der ersten Strophe strafbar?

In der Öffentlichkeit herrscht häufig der Irrglaube, das Singen der 1. Strophe sei gesetzlich verboten. Die Rechtslage in Deutschland ist eindeutig:

Beschluss des Bundesverfassungsgerichts (1990)

Das Bundesverfassungsgericht stellte am 7. März 1990 (BVerfGE 81, 298) klar:

  • Das Singen oder Drucken der ersten und zweiten Strophe des Liedes der Deutschen ist weder verboten noch strafbar. Es fällt unter die durch Artikel 5 GG geschützte Meinungs- und Kunstfreiheit.
  • Staatlich geschützt als offizielles Verfassungssymbol gemäß § 90a StGB (Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole) ist jedoch ausschließlich die dritte Strophe.
  • Bei staatlichen, diplomatischen oder sportlichen Anlässen ist das Abspielen oder Singen der 1. Strophe unzulässig und politisch tabuisiert.

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum Lied der Deutschen

Welche Hymne hatte die DDR?

Die DDR hatte von 1949 bis 1990 die Nationalhymne "Auferstanden aus Ruinen" (Text von Johannes R. Becher, Musik von Hanns Eisler). Wegen der Textzeile "Deutschland, einig Vaterland" durfte der Text ab Anfang der 1970er Jahre in der DDR nicht mehr öffentlich gesungen, sondern nur noch instrumental gespielt werden.

Wo wird die Originalhandschrift von Hoffmann von Fallersleben aufbewahrt?

Die Originalhandschrift des Liedes der Deutschen von 1841 befindet sich heute in der Staatsbibliothek zu Berlin (Preußischer Kulturbesitz) und zählt zum nationalen Kulturerbe.