Das Philadelphia-Experiment: USS Eldridge, Teleportation, Filmklassiker und historische Fakten
Am 28. Oktober 1943 soll sich in der Marinewerft von Philadelphia eines der spektakulärsten Geheimprojekte der Menschheitsgeschichte ereignet haben: Die US Navy habe unter Anwendung von Albert Einsteins Einheitlicher Feldtheorie den 1.500 Tonnen schweren Geleitzerstörer USS Eldridge (DE-173) in einen grünlichen Nebel gehüllt, optisch und auf dem Radar unsichtbar gemacht und binnen Sekunden über 350 Kilometer nach Norfolk (Virginia) teleportiert. Matrosen, die molekular mit den Stahlwänden des Schiffs verschmolzen, Zeitschleifen, die bizarren Briefe des Carlos Allende, der Hollywood-Kultfilm von 1984 und die tatsächliche physikalische Realität der Entmagnetisierung (*Degaussing*)... Hier ist das umfassende Dossier zum größten Sci-Fi-Militärmythos des 20. Jahrhunderts.
Das Philadelphia-Experiment (Projekt Rainbow) — Dossier & Fakten
1. Der angebliche Ablauf: Unsichtbarkeit, Teleportation und Horror an Bord
In der Verschwörungsliteratur (insbesondere in den Büchern von Charles Berlitz und William Moore) wird das angebliche Experiment in zwei dramatischen Phasen geschildert:
1. Phase: 22. Juli 1943 (Optische Unsichtbarkeit)
Zwei gewaltige elektromagnetische Generatoren auf dem Deck der USS Eldridge wurden hochgefahren. Ein grünlich leuchtender Ozon-Nebel umhüllte den Zerstörer. Als die Generatoren ihre Höchstleistung erreichten, verschwand das Schiff spurlos vor den Augen der Beobachter – lediglich der Kielabdruck im Wasser blieb sichtbar. Nach Abschaltung litten die Matrosen unter extremer Übelkeit und Orientierungsverlust.
2. Phase: 28. Oktober 1943 (Teleportation)
Das Experiment sollte nun reine Radarunsichtbarkeit erzeugen. Doch ein unkontrollierter Energieblitz riss das Schiff aus dem Raumzeit-Gefüge. Die USS Eldridge verschwand aus Philadelphia und materialisierte für mehrere Minuten im Marinehafen von Norfolk (Virginia), über 350 km entfernt, bevor sie wieder in Philadelphia auftauchte.
Das angebliche Schicksal der Besatzung:
- Molekulare Verschmelzung mit dem Stahl: Nach der Rückkehr bot sich den Rettungskräften ein grauenhafter Anblick: Einige Seeleute waren mit ihren Gliedmaßen oder dem Oberkörper untrennbar mit den Stahlplatten und Decks des Schiffs verschmolzen, als sei die Materie flüssig geworden und wieder erstarrt.
- Spontane Selbstentzündung und das „Einfrieren“ (*The Freeze*): Andere Männer gingen plötzlich in Flammen auf oder verloren ihre materielle Festigkeit. Carlos Allende beschrieb den Zustand des *„Freezing“*, bei dem Matrosen wie Statuen aus dem Zeitstrom fielen und nur durch kräftiges Reiben und Körperkontakt ihrer Kameraden in die Realität zurückgeholt werden konnten.
- Psychischer Zusammenbruch: Die Überlebenden seien dem Wahnsinn verfallen, litten unter Amnesie und wurden angeblich vom US-Militär in geheimen Heilanstalten lebenslang isoliert.
2. Die Geburtsstunde der Legende: Carlos Miguel Allende und Morris Jessup
Bis zum Jahr 1955 existierte in keinem Archiv, keiner Zeitung und keinem Militärbericht auch nur die kleinste Erwähnung dieses Ereignisses. Die gesamte Geschichte geht auf eine einzige Person zurück:
Wer war Carlos Miguel Allende (Carl Meredith Allen)?
Carl Meredith Allen (1925–1994) stammte aus Pennsylvania. Er trat 1942 kurzzeitig der Navy bei, wurde jedoch nach wenigen Monaten wegen psychischer Probleme entlassen und diente anschließend in der Handelsmarine (*Merchant Marine*). Er lebte größtenteils als exzentrischer Wanderer in einem Wohnmobil.
1955 las er das Buch The Case for the UFO des Astronomen Morris K. Jessup. Daraufhin sandte er Jessup seitenlange, mit bunten Tinten (blau, violett, schwarz) verfasste Briefe. Darin behauptete er, an Bord des Frachters SS Andrew Furuseth Augenzeuge der Teleportation der USS Eldridge und der Verschmelzung der Matrosen gewesen zu sein.
Der Skandal um die Varo-Edition und Jessups Suizid:
1957 erhielt das Office of Naval Research (ONR) ein Exemplar von Jessups Buch, dessen Seitenränder mit wirren handschriftlichen Kommentaren dreier fiktiver Wesen („Mr. A“, „Mr. B“ und „Jemi“) über außerirdische Technologien bekritzelt waren. Fasziniert ließen zwei Navy-Offiziere 127 Kopien von der texanischen Firma Varo drucken (die berühmte „Varo Edition“).
Morris Jessup, von finanziellen Misserfolgen und Depressionen geplagt, nahm sich am 20. April 1959 in Miami mit Abgasen das Leben. Verschwörungstheoretiker behaupteten prompt, er sei „liquidiert worden, weil er zu viel wusste“.
Allendes Geständnis 1969: In einem dokumentierten Interview gestand Carl Meredith Allen im Jahr 1969 frank und frei, alle Briefe, Zeugenaussagen und die Randnotizen im Varo-Buch vollständig aus seiner eigenen Fantasie erfunden zu haben.
3. Die 1990er-Jahre: Al Bielek und der Montauk-Zeitreise-Kult
Um 1990 trat ein Mann namens Al Bielek (bürgerlich Edward Cameron) an die Öffentlichkeit und erweiterte die Fabel um wilde Zeitreise-Elemente:
- Der Sprung durch die Zeit: Bielek behauptete, er und sein Bruder Duncan seien Matrosen auf der USS Eldridge gewesen. Als das Schiff im Hyperraum verschwand, seien sie über Bord gesprungen – doch statt im Wasser landeten sie durch ein Raum-Zeit-Portal im Jahr 1983 auf der Militärbasis Montauk (Camp Hero, Long Island).
- Reisen ins Jahr 2749: Er fabulierte von Treffen mit Dr. John von Neumann, Reisen in die Jahre 2137 und 2749 sowie einer Rückkehr ins Jahr 1943, um die Generatoren mit einer Axt zu zertrümmern und den Zeittunnel zu schließen.
- Historische Entlarvung: Militär- und Psychiatrieakten bewiesen schnell, dass Bielek während des Zweiten Weltkriegs nie an Geheimprojekten beteiligt war, sondern psychisch erkrankt war und mit seinen Vorträgen auf UFO-Kongressen Geld verdiente.
4. Die historischen und physikalischen Fakten: Was geschah wirklich?
1. Schiffstagebücher (Deck Logs) der USS Eldridge
Die lückenlos im US-Nationalarchiv erhaltenen Logbücher belegen: Die USS Eldridge wurde am 27. August 1943 in New York in Dienst gestellt. Den gesamten Oktober 1943 verbrachte das Schiff bei Ausbildungs- und Erprobungsfahrten vor den Bahamas (Nassau) und Bermuda. Am 28. Oktober 1943 lag das Schiff im Hafen von New York – es war an diesem Tag nicht in Philadelphia.
2. Route der SS Andrew Furuseth
Der Frachter SS Andrew Furuseth, auf dem Allende angeblich das Experiment beobachtete, verließ Norfolk bereits am 25. Oktober 1943 in einem Geleitzug nach Casablanca (Marokko) und befand sich am 28. Oktober mitten auf dem Atlantik.
3. Das reale Verfahren: Degaussing (Entmagnetisierung)
Das streng geheime Verfahren, das in der Werft tatsächlich an Schiffen durchgeführt wurde, war Degaussing. Schiffskörper wurden mit dicken Kupferkabeln umwickelt und mit Gleichstrom beaufschlagt, um das Magnetfeld des Stahlrumpfs aufzuheben. Schiffe wurden dadurch „magnetisch unsichtbar“ für deutsche Magnetminen und Torpedos (G7e/T3a).
4. Einsteins und Teslas tatsächliche Rolle
Nikola Tesla verstarb bereits am 7. Januar 1943 im New Yorker Hotel New Yorker – neun Monate vor dem angeblichen Experiment. Albert Einstein beriet die Marine lediglich im Bereich theoretischer Sprengstoffphysik; mit elektromagnetischer Tarnung hatte er nichts zu tun.
5. Das Schicksal der USS Eldridge: 40 Jahre Dienst in Griechenland
Die USS Eldridge versah ihren Dienst im Zweiten Weltkrieg ohne jeden Zwischenfall bei Geleitzugsicherungen im Atlantik und Pazifik:
- Übergabe an Griechenland (1951): Am 15. Januar 1951 wurde das Schiff im Rahmen des US-Militärhilfeprogramms an die griechische Marine übergeben und in HS Leon (D-54) umbenannt.
- Dienst bis 1991: Die Leon patrouillierte 40 Jahre lang treu in der Ägäis und im Mittelmeer und nahm an zahlreichen NATO-Manövern teil. 1999 wurde das ausgemusterte Schiff im Hafen von Piräus abgewrackt.
- Treffen der Kriegsveteranen (März 1999): Bei einem Veteranentreffen in Atlantic City erklärten die überlebenden Besatzungsmitglieder der USS Eldridge vor laufenden Fernsehkameras:
„Unser Schiff hat an keinen geheimen Teleportationsexperimenten teilgenommen, niemand von uns sah grünen Nebel und keiner unserer Kameraden ist in einer Wand verschmolzen. Das Ganze ist ein reines Hollywood-Märchen.“
6. Filmklassiker, Fortsetzungen und Einfluss auf die Popkultur
Der Mythos lieferte den perfekten Stoff für wegweisende Science-Fiction-Filme und moderne Medien:
1. The Philadelphia Experiment (1984 - Kultfilm)
Regie: Stewart Raffill (Konzeptphase von John Carpenter)
Darsteller: Michael Paré (David Herdeg), Nancy Allen (Allison Hayes), Eric Christmas (Dr. James Longstreet).
Handlung: Beim Radartarnungsexperiment 1943 gerät die USS Eldridge in einen elektromagnetischen Strudel. Zwei Matrosen springen von Bord und fallen durch einen Zeittunnel 41 Jahre in die Zukunft ins Jahr 1984 in die Wüste Nevadas. Als ein Raumzeit-Riss die Erde zu verschlingen droht, muss Herdeg ins Jahr 1943 zurückkehren und den Generator mit einer Axt zertrümmern.
2. Philadelphia Experiment II (1993)
Regie: Stephen Cornwell | Darsteller: Brad Johnson.
Alternativweltgeschichte: Ein fehlgeschlagenes Teleportationsexperiment befördert einen modernen Stealth-Bomber mit Atomwaffen ins Jahr 1943 direkt zu den Nazis. In einer düsteren Zeitlinie, in der Deutschland den Krieg gewann, muss Herdeg die Geschichte reparieren.
3. The Philadelphia Experiment (2012 - Syfy-Remake)
Regie: Paul Ziller | Darsteller: Nicholas Lea, Malcolm McDowell und Michael Paré in einer Gastrolle.
Plot: Die USS Eldridge materialisiert nach 70 Jahren plötzlich im Hier und Jetzt und erzeugt globale elektromagnetische Katastrophen.
Einfluss auf Serien und Videospiele:
- Stranger Things (Netflix): Die Serienschöpfer (Duffer-Brüder) erklärten öffentlich, dass das Philadelphia-Experiment und das Montauk-Projekt die primäre Inspiration für das Hawkins National Laboratory, die Spaltung der Dimensionen und die Schattenwelt (*Upside Down*) waren.
- Command & Conquer: Alarmstufe Rot: Die legendäre Superwaffe der Alliierten – die Chronosphäre, die Panzer über die Karte teleportiert – basiert direkt auf dem Mythos des Philadelphia-Experiments.
- Akte X (Staffel 2, Episode 19: „Død Kalm“): Die FBI-Agenten Mulder und Scully stoßen auf ein Geisterschiff in der Arktis, dessen Besatzung rasant gealtert ist, und beziehen sich direkt auf die Berichte des Philadelphia-Experiments.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Warum heißt das angebliche Projekt „Projekt Rainbow“?
„Rainbow“ war in Wahrheit der reale militärische Deckname der US-Streitkräfte für die globalen Kriegspläne (Rainbow 1 bis 5) gegen die Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg. Verschwörungstheoretiker übertrugen diesen Namen fälschlicherweise auf die angebliche Tarnungsforschung.
Gibt es heute Schiffe, die wirklich unsichtbar sind?
Optisch unsichtbare Schiffe gibt es nicht. Moderne Kriegsschiffe (wie die Zumwalt-Klasse oder deutsche Fregatten) nutzen jedoch radarabsorbierende Stealth-Formen sowie hochentwickelte Degaussing-Systeme, um Radarsignaturen und Magnetfelder zu minimieren.