Kompass Guide • Deutsche Geschichte & Revolutionäre
Sprache: 🇩🇪 Deutsch 🇬🇧 English 🇹🇷 Türkçe

Karl Liebknecht Biografie: Nein zu Kriegskrediten, Republik 1918, Spartakus und Ermordung

Karl Liebknecht (* 13. August 1871 in Leipzig; † 15. Januar 1919 in Berlin) — einer der mutigsten Politiker der deutschen Geschichte, Rechtsanwalt der Entrechteten, Reichstagsabgeordneter, Mitbegründer des Spartakusbundes und der KPD. Als Sohn des SPD-Gründers Wilhelm Liebknecht und Patenkind von Karl Marx schrieb er Geschichte, als er am 2. Dezember 1914 als einziger Abgeordneter im Reichstag den Kriegskrediten des Kaisers die Stirn bot. Von seiner illegalen Rede auf dem Potsdamer Platz ("Der Hauptfeind steht im eigenen Land!") und der Ausrufung der Freien Sozialistischen Republik am 9. November 1918 bis zu seiner heimtückischen Ermordung durch rechtsextreme Freikorps im Berliner Tiergarten: Das vollständige Porträt des revolutionären Vorkämpfers.

Karl Liebknecht — Steckbrief & Wichtigste Eckdaten

Vollständiger Name: Karl Paul August Friedrich Liebknecht
Geburtsdatum & Ort: 13. August 1871 in Leipzig (Königreich Sachsen, Kaiserreich)
Todesdatum & Ort: 15. Januar 1919 (mit 47 Jahren) im Berliner Tiergarten (ermordet)
Taufpate: Karl Marx (Briefwechsel mit Vater Wilhelm Liebknecht)
Ausbildung: Dr. jur. (Universität Würzburg, 1897) & Rechtsanwalt
Parlamentarische Mandate: Preußisches Abgeordnetenhaus (1908–1916), Reichstag (1912–1916)
Historische Taten: Einziges Nein zu den Kriegskrediten (1914), Ausrufung der Republik (9. Nov. 1918)
Ehefrauen: Julia Paradies (1900–1903, drei Kinder: Wilhelm, Robert, Vera); Sophie Ryss (1914–1919)
Parteiengründung: Spartakusbund & Kommunistische Partei Deutschlands (KPD, Neujahr 1919)
Gedenkstätte: Gedenkstätte der Sozialisten, Zentralfriedhof Friedrichsfelde (Berlin)

Chronologischer Werdegang von Karl Liebknecht (1871–2026)

Datum / Jahr Ereignis / Station Historische Tragweite
1871 Geburt in Leipzig Sohn des SPD-Gründervaters Wilhelm Liebknecht; Karl Marx ist Taufpate.
1897 Promotion zum Dr. jur. Schließt Jurastudium in Würzburg ab; eröffnet Anwaltskanzlei in Berlin.
1907 "Militarismus und Antimilitarismus" Wird wegen seiner Antikriegsschrift vom Reichsgericht zu 18 Monaten Festungshaft verurteilt.
1912 Wahl in den Reichstag Gewinnt den prestigeträchtigen "Kaiser-Wahlkreis" Potsdam-Spandau.
2. Dez. 1914 Historisches Nein zu Kriegskrediten Stimmt als einziger Abgeordneter gegen den Krieg; weltweites Fanal des Friedens.
1. Mai 1916 Rede auf dem Potsdamer Platz Ruft: "Nieder mit dem Krieg!"; zu 4 Jahren und 1 Monat Zuchthaus verurteilt.
9. Nov. 1918 Ausrufung der Freien Republik Proklamiert vom Balkon des Berliner Stadtschlosses die Sozialistische Republik.
1. Jan. 1919 Gründung der KPD Gründet mit Rosa Luxemburg die Kommunistische Partei Deutschlands.
15. Jan. 1919 Ermordung im Tiergarten Wird von Freikorps-Offizieren im Berliner Tiergarten am Neuen See hinterrücks erschossen.

1. Herkunft, Familie und das Erbe von Wilhelm Liebknecht und Karl Marx

Karl Liebknecht wurde in das Epizentrum der internationalen sozialistischen Bewegung hineingeboren:

  • Sohn des SPD-Gründers: Sein Vater Wilhelm Liebknecht (1826–1900) gründete 1869 zusammen mit August Bebel die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP), aus der die SPD hervorging. Seine Mutter Natalie war die Tochter des hessischen Politikers Theodor Reh (Präsident der Frankfurter Nationalversammlung von 1848).
  • Karl Marx als Taufpate: Bei Karls Taufe am 13. August 1871 in der Leipziger Thomaskirche war der im Londoner Exil lebende Karl Marx offiziell als Taufpate eingetragen. Karl wuchs in einer Atmosphäre ständiger Hausdurchsuchungen, Parteitage und intellektueller Diskussionen mit führenden Revolutionären Europas auf.
  • Juristisches Engagement in Berlin: Nach dem Abitur an der traditionsreichen Thomasschule studierte er Rechtswissenschaften in Leipzig und Berlin und promovierte 1897 an der Universität Würzburg. Als Anwalt in Berlin-Mitte verteidigte er unentgeltlich verfolgte Gewerkschafter, streikende Fabrikarbeiter und russische Revolutionäre gegen die kaiserliche Justiz.

2. Der Kampf gegen den Militarismus und der Aufstieg im Reichstag

Liebknecht erkannte früher als die meisten Zeitgenossen, dass der preußisch-deutsche Militarismus auf eine globale Katastrophe zusteuerte:

Die Schrift "Militarismus und Antimilitarismus" (1907)

Auf der ersten internationalen Konferenz der sozialistischen Jugendorganisationen in Stuttgart forderte Liebknecht eine gezielte Antikriegspropaganda unter den Rekruten. In seiner Schrift analysierte er das kaiserliche Heer als Instrument der inneren Unterdrückung von Streiks. Das Reichsgericht in Leipzig verurteilte ihn wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zu 18 Monaten Festungshaft in Glatz (Schlesien). Die Berliner Arbeiter antworteten, indem sie ihn noch während der Festungshaft 1908 ins Preußische Abgeordnetenhaus wählten.

  • Der Krupp-Skandal (1913): 1912 zog Liebknecht für den Wahlkreis Potsdam-Spandau-Osthavelland in den Reichstag ein. Im April 1913 deckte er den größten Rüstungsskandal des Kaiserreiches auf: Er bewies mit geheimen Dokumenten, dass der Waffenkonzern Krupp Beamte des Kriegsministeriums und der Heeresverwaltung bestochen hatte, um an geheime Rüstungspläne und Baupläne ausländischer Geschütze zu gelangen (Kornwalzer-Affäre).

3. Der 2. Dezember 1914: Das historische "Nein" zu den Kriegskrediten

Als im August 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, unterwarf sich die SPD-Führung der Burgfriedenspolitik mit Kaiser Wilhelm II. und stimmte den Kriegskrediten zu. Liebknecht beugte sich am 4. August noch dem Fraktionszwang, vollzog jedoch am 2. Dezember 1914 den historischen Bruch:

Ein Mann gegen 396 Abgeordnete

Am 2. Dezember 1914 erhob sich Karl Liebknecht im Plenum des Reichstages und stimmte als einziger Abgeordneter mit "NEIN" gegen die Kriegskredite. In seiner schriftlichen Begründung, die der Reichstagspräsident zensierte und nicht verlesen ließ, schrieb er:

"Dieser Krieg, den kein der beteiligten Völker gewollt hat, ist nicht für die Wohlfahrt des deutschen oder eines anderen Volkes entbrannt. Es handelt sich um einen imperialistischen Krieg, einen Krieg um die kapitalistische Beherrschung des Weltmarktes... Ich stimme gegen die geforderte Kriegskreditvorlage."

Mit diesem Votum wurde Liebknecht über Nacht zum weltweiten Leuchtturm des Friedens und der Antikriegsbewegung in den Schützengräben Europas.

4. Die Maikundgebung 1916: "Der Hauptfeind steht im eigenen Land!"

Im Mai 1915 verfasste Liebknecht das berühmteste Flugblatt des Ersten Weltkriegs mit dem Kernsatz:

Das Antikriegs-Manifest (Mai 1915)

"Der Hauptfeind jedes Volkes steht in seinem eigenen Land! Der Hauptfeind des deutschen Volkes steht in Deutschland: der deutsche Imperialismus, die deutsche Kriegspartei, die deutsche Geheimdiplomatie. Diesen Feind im eigenen Lande gilt es für das deutsche Volk zu bekämpfen!"
  • Verhaftung auf dem Potsdamer Platz (1. Mai 1916): Auf der illegalen Maikundgebung vor über 10.000 demonstrierenden Arbeitern rief Liebknecht in Soldatenuniform lautstark: "Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!". Er wurde sofort von Polizisten überwältigt und zu vier Jahren und einem Monat Zuchthaus in Luckau verurteilt; das Mandat und die Anwaltszulassung wurden ihm aberkannt.

5. Der 9. November 1918: Die Ausrufung der Freien Sozialistischen Republik

Im Oktober 1918 musste die Reichsregierung Liebknecht unter dem Druck der revolutionären Massen amnestieren:

  • Der Wettlauf der Republiken: Am 9. November 1918 dankte der Kaiser ab. Um 14:00 Uhr rief Philipp Scheidemann (SPD) von einem Fenster des Reichstages die parlamentarische "Deutsche Republik" aus, um den linken Kräften zuvorzukommen.
  • Liebknecht am Stadtschloss: Nur zwei Stunden später, gegen 16:00 Uhr, fuhr Liebknecht im offenen Wagen zum Berliner Stadtschloss. Vom Balkon des Portals IV proklamierte er vor einer riesigen Menschenmenge die "Freie Sozialistische Republik Deutschland":
    "Der Tag der Revolution ist gekommen. Wir haben den Frieden erzwungen... Ich proklamiere die freie sozialistische Republik Deutschland, die alle Stämme umfassen soll, in der es keine Knechte mehr geben wird, in der jeder ehrliche Arbeiter den ehrlichen Lohn seiner Arbeit finden wird."

6. Der Januaraufstand 1919 und die Ermordung im Berliner Tiergarten

Nach der Gründung der KPD zum Jahreswechsel 1918/19 eskalierte der Konflikt zwischen der SPD-Regierung Ebert/Noske und den revolutionären Arbeitern im Januar 1919 (Spartakusaufstand):

Das Verbrechen am Neuen See (15. Januar 1919)

Nachdem die Aufstände durch Freikorps-Truppen der Garde-Kavallerie-Schützen-Division blutig niedergeschlagen worden waren, versteckten sich Liebknecht und Rosa Luxemburg in einer Wohnung in Berlin-Wilmersdorf (Mannheimer Straße 27).

  • Am Abend des 15. Januar 1919 wurden beide von einer Bürgerwehr aufgespürt und in das Hotel Eden verschleppt.
  • Nach schwerer körperlicher Misshandlung durch Freikorps-Soldaten wurde Liebknecht in einem Auto in den Berliner Tiergarten gefahren.
  • In der Nähe des Neuen Sees zwang man ihn auszusteigen und schoss ihm von hinten aus wenigen Metern Entfernung in den Nacken und Rücken.
  • Die Mörder lieferten seinen Leichnam als "unbekannte Leiche" bei der Rettungswache an der Charité ab und verbreiteten die Propagandalüge, Liebknecht sei "auf der Flucht erschossen" worden.

7. Das Vermächtnis: "Trotz alledem!"

Am Tag seiner Ermordung erschien in der Roten Fahne Liebknechts letzter programmatischer Leitartikel, der mit den unvergesslichen Worten schloss:

"Die Geschlagenen von heute werden die Sieger von morgen sein! Denn die Niederlage ist ihnen eine Lehre... Ob wir dann noch leben werden, wenn es erreicht wird – leben wird unser Programm; es wird die Welt der erlösten Menschheit beherrschen. Trotz alledem!"

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zu Karl Liebknecht

Wo befindet sich das Portal IV des Berliner Schlosses heute?

Beim Bau des Staatsratsgebäudes der DDR (heute ESMT Berlin) am Schlossplatz wurde das originale Liebknecht-Portal (Portal IV) des 1950 gesprengten Stadtschlosses in die Fassade des Neubaus integriert, um an Liebknechts Ausrufung der Republik zu erinnern.

Was geschah mit den Mördern von Karl Liebknecht?

Die Mörder aus den Reihen der Freikorps (darunter Rudolf Liepmann und Heinrich Stiege) wurden von einem Militärgericht der eigenen Division weitgehend freigesprochen oder erhielten minimale Strafen, die sie kaum absitzen mussten. Die Drahtzieher machten später im NS-Staat und in der Bundeswehr Karriere.