Prof. Dr. Martin Werding Biografie: Wirtschaftsweiser, RUB-Professor, Rentenökonomie und Staatsfinanzen
Prof. Dr. Martin Werding (* 5. Januar 1964 in Bergisch Gladbach) — einer der profiliertesten deutschen Finanzwissenschaftler, Inhaber des Lehrstuhls für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) und seit September 2022 Mitglied des renommierten Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ("Die fünf Wirtschaftsweisen"). Als langjähriger Bereichsleiter am Münchner ifo Institut und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesfinanzministerium gilt Werding als die maßgebliche akademische Instanz für die ökonomische Bewältigung des demografischen Wandels, die langfristige Tragfähigkeit der gesetzlichen Rentenversicherung, die Bewahrung der Schuldenbremse und eine zukunftsfähige Familienpolitik.
Prof. Dr. Martin Werding — Steckbrief & Wichtigste Eckdaten
Chronologischer Werdegang von Martin Werding (1964–2026)
| Jahr / Zeitraum | Station / Ereignis | Wissenschaftliche & Politische Bedeutung |
|---|---|---|
| 1964 | Geburt in Bergisch Gladbach | Wächst im Rheinland auf; frühes Interesse an Philosophie und Ökonomie. |
| 1985–1991 | Studium in München & Passau | Studium der Philosophie und Volkswirtschaftslehre; Abschluss als Diplom-Volkswirt. |
| 1997 | Promotion in Passau | Erhält den Doktortitel für seine wegweisende Arbeit zur Ökonomischen Theorie der Alterssicherung. |
| 1999–2008 | Bereichsleiter am ifo Institut | Leitet den Bereich Sozialpolitik und Arbeitsmärkte am führenden Wirtschaftsforschungsinstitut in München. |
| 2008 | Habilitation an der LMU München | Erlangt die Lehrbefugnis (Venia legendi) für Volkswirtschaftslehre und Finanzwissenschaft. |
| Seit 2008 | Ordinarius an der Ruhr-Universität Bochum | Übernimmt den Lehrstuhl für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen an der Fakultät für Sozialwissenschaft der RUB. |
| Seit 2013 | Wissenschaftlicher Beirat beim BMF | Berät die Bundesfinanzminister (Schäuble, Scholz, Lindner) in haushalts- und finanzpolitischen Grundsatzfragen. |
| August 2022 | Berufung zum "Wirtschaftsweisen" | Ernennung durch Bundespräsident Steinmeier in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. |
| 2023–2026 | Jahresgutachten & Rentendebatte | Prägt die Debatten über Generationenkapital, Schuldenbremse, Fachkräftemangel und Anhebung des Rentenalters. |
1. Akademischer Werdegang: Passau, München und die ifo-Jahre
Martin Werding verbindet philosophisch-ethische Reflexion mit methodisch strenger quantitativer Finanzwissenschaft:
- Studium der Philosophie & VWL: Werding begann sein Studium mit der doppelten Perspektive aus Philosophie und Wirtschaftswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und der Universität Passau, wo er 1991 als Diplom-Volkswirt abschloss.
- Promotion über Generationenverträge (1997): An der Universität Passau promovierte er zum Dr. rer. pol. mit der wegweisenden Dissertation "Ökonomische Theorie der Alterssicherung: Generationenverträge und Rentenreformen in der Wohlfahrtsökonomik". Darin analysierte er die mikro- und makroökonomischen Anreizstrukturen von Umlageverfahren unter dem Druck sinkender Geburtenraten.
- Führungsjahre am ifo Institut (1999–2008): Unter der Präsidentschaft von Hans-Werner Sinn leitete Werding fast ein Jahrzehnt lang den Forschungsbereich Sozialpolitik und Arbeitsmärkte am renommierte Münchner ifo Institut. In zahlreichen empirischen Studien erforschte er die Wirkungen der Hartz-Reformen, die Kosten von Kinderarmut und Reformmodelle für das deutsche Steuersystem.
- Habilitation an der LMU München (2008): Seine Habilitation schloss er an der LMU München mit der Venia legendi für Volkswirtschaftslehre und Finanzwissenschaft ab.
2. Der Lehrstuhl an der Ruhr-Universität Bochum (RUB)
Im Jahr 2008 folgte Werding dem Ruf an die Ruhr-Universität Bochum (RUB), wo er den Lehrstuhl für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen an der Fakultät für Sozialwissenschaft übernahm:
Forschungsschwerpunkte an der RUB
- Finanzwissenschaftliche Nachhaltigkeit: Modellierung langfristiger Projektionen für die Staatsfinanzen unter Berücksichtigung der Alterung der Gesellschaft bis 2060/2070.
- Empirische Familien- und Arbeitsmarktökonomie: Wirkungsanalysen von Elterngeld, Kindergeld, Ehegattensplitting und Kitas auf die Erwerbsbeteiligung von Müttern.
- Internationale Beratung: Werding verfasste Gutachten für die Weltbank, die OECD, die Europäische Kommission und nationale Ministerien.
3. Die Berufung zum "Wirtschaftsweisen" (Sachverständigenrat, 2022)
Im August 2022 wurde Werding auf Vorschlag der Bundesregierung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen:
Das oberste wirtschaftspolitische Beratergremium
Als Nachfolger von Lars Feld übernahm Werding im fünfköpfigen Gremium (gemeinsam mit Prof. Dr. Monika Schnitzer, Prof. Dr. Veronika Grimm, Prof. Dr. Ulrike Malmendier und Prof. Dr. Achim Truger) die Federführung für die Kernbereiche:
- Öffentliche Finanzen und Haushaltskonsolidierung
- Gesetzliche Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung
- Arbeitsmarkt, Fachkräftesicherung und Zuwanderung
- Demografischer Wandel und Alterssicherungssysteme
4. Werdings wirtschaftspolitische Kernpositionen und Reformvorschläge
In den öffentlichen Debatten zeichnet sich Werding durch faktenbasierte, ideologiefreie und finanzmathematisch fundierte Reformkonzepte aus:
1. Dynamisches Renteneintrittsalter
Werding plädiert dafür, das Renteneintrittsalter nach Erreichen der Regelaltersgrenze von 67 Jahren ab 2031 automatisch an die ferne Lebenserwartung zu koppeln (Verhältnis 2:1 zwischen zusätzlicher Arbeitszeit und zusätzlichem Rentenbezug).
2. Stopp von Frühverrentungsanreizen
Scharfe Kritik an der sogenannten "Rente mit 63": Angesichts des dramatischen Fachkräftemangels sei es volkswirtschaftlich fatal, gesunde und hochqualifizierte Beitragszahler mit staatlichen Subventionen vorzeitig aus dem Erwerbsleben zu verabschieden.
3. Verteidigung der Schuldenbremse
Werding warnt davor, die verfassungsrechtliche Schuldenbremse aufzuweichen. Zusätzliche kreditfinanzierte Sondervermögen heizten die Inflation an und belasteten künftige Generationen; Investitionen müssen prioritär aus dem Kernhaushalt finanziert werden.
4. Kapitalgedeckte Rente (Generationenkapital)
Befürwortet den Einstieg in eine globale Aktien-Kapitaldeckung zur Flankierung des Umlagesystems, fordert jedoch eine deutlich mutigere und ertragsstärkere Ausgestaltung als reine schuldenfinanzierte Fondskonstruktionen.
5. Wichtige Gutachten, Schriften und Einfluss auf die Bundespolitik
Als langjähriges Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen (seit 2013) und Autor zentraler Regierungsberichte hat Werding Gesetzgebungsprozesse maßgeblich geprägt:
- Tragfähigkeitsberichte des Bundes: Seine langfristigen Simulationsmodelle zur Entwicklung der Sozialversicherungsbeiträge und Bundeszuschüsse bilden die Grundlage der offiziellen Tragfähigkeitsberichte der Bundesregierung.
- Neunter Familienbericht der Bundesregierung (2021): Als Mitglied der Sachverständigenkommission plädierte er für eine stärkere Ausrichtung der Familienförderung auf frühkindliche Bildungsinfrastruktur statt reiner Geldleistungen.
- Jahresgutachten des Sachverständigenrates: Maßgeblicher Mitautor der Gutachten "Energiekrise solidarisch bewältigen" (2022/23), "Wachstumsschwäche überwinden" (2023/24) und nachfolgender Berichte.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zu Prof. Dr. Martin Werding
Was ist der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung?
Der 1963 durch Bundesgesetz gegründete Sachverständigenrat (umgangssprachlich "Die fünf Wirtschaftsweisen") ist das wichtigste unabhängige wissenschaftliche Beratergremium der deutschen Bundesregierung für Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik.
Warum warnt Martin Werding vor der Rentenpolitik des 'Rentenpakets II'?
Werding kritisierte die dauerhafte Festschreibung des Rentenniveaus bei 48 % ohne Anhebung des Rentenalters, da dies ab den 2030er Jahren zu explodierenden Beitragssätzen (über 22 %) und immensen Steuerzuschüssen aus dem Bundeshaushalt führt, die den Spielraum für Zukunftsinvestitionen erdrücken.